Urs Mannhart - November 2016

 

 

 

Bilder gibt es, in die kann man hineinspazieren. Bilder gibt es, die werfen dich um. Und dann gibt es noch Bilder, die du zum Beispiel auf einer Zugfahrt gerne mit im Abteil sitzen hättest, Bilder, die, eine Handbreit nur neben dem Gewöhnlichen sich bewegend, anziehend rätselhaft wirken, ohne jedoch zu lärmen und zu tosen. Die Bilder Samira Daneshzades zählst du zu jener dritten Familie, und gerade heute, an einem angenehm leeren, von schweren, sommermüden Sonnenstrahlen erwärmten Sonntag, als du im Zug sitzend von Olten nach Biel gefahren bist, dich gleichzeitig aber auch in Nicola Bouviers Die Erfahrung der Welt lesend vom Südosten Irans her der afghanischen Grenze genähert hast, bist du auch in dem Gefühl gereist, ein Gemälde Daneshzades vis-à-vis zu haben. Eine Art Aufmerksamkeit sitzt dir da gegenüber, etwas, das Dir erst die Lider, dann auch die Brauen hebt, und alsbald ist nicht mehr klar, wer hier Betrachter ist und wer Betrachteter, du oder das Bild, und der Eindruck, im Moment des Erkennens könnest auch du erkannt werden, ist so reizvoll wie reinigend.

Daneshzades Arbeiten sind scheinbar ganz ohne Anstrengung entstanden, tragen aber doch eine Kraft in sich, die auch einem langen Blick standzuhalten vermag.
Ist das ein Gesicht, das Du hier erkennst? Den Blick eines Bekannten? Ist es nicht dieses Kinn, das Dich erinnert an jenen Mann, der einmal...? Und schon summen Fragen dieser Art um Dich herum wie ein Schwarm Mücken an einem späten Sommerabend. Und Du grübelst so lange über der Frage, an wen Dich das Gemälde erinnert, bis Du endlich zu der Überzeugung kommst, dass hier nicht ein Gesicht gemeint ist, sondern, viel tiefschürfender, die Frage nach Deiner Erinnerung, die Frage danach, wie Du über die Menschen denkst, welchen Du in Deinem Leben bisher begegnet wirst, Menschen, so lebendig und so sterblich wie Du selbst, Menschen, die ihren Weg gehend immer wieder straucheln, weil sie eben Menschen sind, Menschen, die sich anderen, zum Beispiel dir gegenüber, manchmal verächtlich verhalten, weil sie mit den Verächtlichkeiten, die das Leben für einen Menschen bereithält, nicht anders umzugehen wissen, Menschen auch, die erst dann richtig tot sein werden, wenn niemand mehr an sie denkt.

Auch in ihren Skulpturen kannst du frei von Zeilen lesen gehen, und was eine schlüssige Interpretation anbelangt, so verhält es sich ungefähr wie mit einer jungen Katze, die im Herbst einem Laubblatt hinterherjagt: Das Bild bleibt seiner Deutung immer einen Schritt voraus. Dieser Riss im Bauch: Ist das eine lebensbedrohliche Verletzung? Oder eine Öffnung viel eher, um das Schöne der Welt in grossen Portionen aufzunehmen?
Der fehlende Mund: Eine Metapher für eine schmerzhafte Sprachlosigkeit – oder viel eher Sinnbild für einen, der von seinen Mitmenschen so gut verstanden wird, dass er getrost auf das Sprechen verzichten kann?
Gerade in den Skulpturen, deren Elemente oft nicht endgültig fixiert sind, deren Teile sich neu zueinander positionieren lassen, zeigt Daneshzade, dass sie ihre Arbeiten nicht leichtfertig abschliesst, dass sie sich im Gegenteil die Mühe macht, ihren Gedanken auf der Spur zu bleiben, egal, wie viele Haken diese auch schlagen. Die verwendeten Werkstoffe sind hart, kalt und schwer. Und doch wandelt und verwandelt sich eine Skulptur in ihrer Hand rascher als eine wilde Rebe im Sommer.

Urs Mannhart, November 2016

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